Viele Menschen haben die COVID-19-Pandemie hinter sich gelassen. Im Alltag spielt das Thema kaum noch eine Rolle. Für mich – und für viele andere Betroffene – ist sie jedoch nicht vorbei.
Long COVID begleitet mich seit 2022. Mein Körper funktioniert nicht mehr so, wie ich ihn früher kannte. Dinge, die einmal selbstverständlich waren, kosten heute Kraft, Planung und oft auch Verzicht.
Warum wird über Long COVID heute so wenig gesprochen? Passt diese Erkrankung nicht in unser System? Will niemand mehr an die Pandemie erinnert werden – oder überhaupt noch darüber nachdenken?
Und ist es nicht auch so, dass alles, was man nicht direkt sehen oder eindeutig diagnostizieren kann, in unserer Gesellschaft schnell als „zu kompliziert“ gilt oder schlicht nicht ernst genommen wird?
Auch ich habe bis heute keinen einfachen oder endgültigen Weg gefunden, der alle Beschwerden löst. Mein Weg ist geprägt von Selbstreflexion, der Suche nach neuen Ansätzen und vorsichtigem Ausprobieren. Dabei gab es keine Wunderlösungen – aber immer wieder kleine, wichtige Fortschritte.
Dieser Beitrag soll informieren, Mut machen und zeigen: Veränderungen sind möglich, auch wenn der Weg lang ist.
Nach mehreren COVID-19-Infektionen dachte ich zunächst, mein Körper würde sich jedes Mal wieder vollständig erholen. Doch mit der Zeit merkte ich, dass etwas grundlegend anders war.
Was folgte, waren nicht nur anhaltende Beschwerden, sondern auch viele Arztbesuche, Untersuchungen und Fehldiagnosen. Oft fühlte ich mich nicht ernst genommen. Symptome wurden relativiert oder anders eingeordnet – und das über einen sehr langen Zeitraum.
Meine Energie kam nicht mehr zurück. Mein Körper reagierte unberechenbar. Manchmal fühlte ich mich stabil – und am nächsten Tag wieder völlig erschöpft.
Meine Belastbarkeit nahm nicht zu, sondern weiter ab. Gleichzeitig traten zunehmend autoimmunologische Veränderungen auf. Mein Immunsystem schien nicht mehr zur Ruhe zu kommen – als würde der Körper dauerhaft gegen etwas kämpfen.
Heute weiß ich: Diese anhaltenden Beschwerden werden als Long COVID bezeichnet. Gemeint sind Symptome, die über Wochen oder Monate nach einer SARS-CoV-2-Infektion bestehen bleiben und sich nicht anders erklären lassen.
Es ist keine verlängerte Erkältung, sondern eine komplexe Erkrankung, die viele Bereiche des Körpers betreffen kann – körperlich, neurologisch und emotional.
Lange dachte ich, schwere und langfristige Verläufe betreffen vor allem ältere oder vorerkrankte Menschen.
Betroffen sind auch junge, sportliche und zuvor vollkommen gesunde Personen.
Studien gehen davon aus, dass etwa 5 bis 15 Prozent aller Infizierten langfristige Beschwerden entwickeln. Je nach Definition variieren die Zahlen. Wahrscheinlich liegt die Dunkelziffer höher.
Das zeigt: Es kann theoretisch jede und jeden treffen – unabhängig von Alter oder Fitnesszustand.
Bei mir zeigte sich Long COVID unter anderem durch:
· eine tiefe, anhaltende Erschöpfung
· Atem- und Kreislaufprobleme
· Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
· mentale Überlastung und emotionale Instabilität
· innere Unruhe und Stressintoleranz
· starke, neu aufgetretene Zyklusbeschwerden
· autoimmunologische Veränderungen bzw. eine Autoimmunerkrankung
· Reizüberflutung
· vegetative Dysregulation
· posturales Tachykardie-Syndrom (POTS)
· deutlich reduzierte Belastbarkeit
Nicht jede Person erlebt dieselben Symptome. Viele erkennen sich jedoch in Teilen wieder. Genau das macht die Erkrankung so schwer greifbar – sie zeigt sich bei jeder Person ein wenig anders.
Mit der Zeit begann ich, mich intensiver mit den medizinischen Hintergründen zu beschäftigen – um mein eigenes Erleben besser zu verstehen.
Long COVID betrifft häufig mehrere Körpersysteme gleichzeitig. Besonders häufig betroffen sind der Energiestoffwechsel, das autonome Nervensystem, das Immunsystem und die Sauerstoffversorgung im Gewebe.
In den Mitochondrien wird normalerweise Energie in Form von ATP produziert. Bei vielen Betroffenen scheint dieser Prozess eingeschränkt zu sein. Das könnte erklären, warum selbst kleine Belastungen zu starker Erschöpfung führen.
Studien zeigen zudem Veränderungen der roten Blutkörperchen und der Mikrozirkulation. Dadurch werden Muskeln und Gehirn schlechter versorgt bzw. das gesamte System.
Hinzu kommt häufig eine Fehlregulation des Nervensystems. Der Körper bleibt im Stressmodus, Erholung fällt schwer. Es fühlt sich an, als würde der innere Schalter nicht mehr richtig auf Ruhe umspringen.
Bei einem Teil der Betroffenen kommt es zu anhaltenden Entzündungsreaktionen und immunologischen Fehlsteuerungen.
Das Immunsystem bleibt auch lange nach der akuten Infektion aktiviert. Entzündungsprozesse klingen nicht vollständig ab, sondern verbleiben auf einem chronischen Niveau.
In einigen Fällen entwickeln sich autoimmunologische Reaktionen. Diese Prozesse können Erschöpfung, neurologische Symptome und Kreislaufprobleme verstärken.
Die zugrunde liegenden Mechanismen sind komplex und medizinisch noch nicht vollständig verstanden. Für Betroffene bedeutet das oft lange Phasen ohne klare Erklärungen oder gezielte Therapien.
Einer der schwierigsten Aspekte für mich ist die sogenannte Post-Exertional Malaise (PEM).
Nach körperlicher oder geistiger Belastung verschlechtern sich die Symptome häufig zeitverzögert. Man fühlt sich zunächst stabil – und stürzt dann ab.
Diese Crashs können einen wieder auf ein sehr niedriges Leistungsniveau zurückwerfen. Genau deshalb ist eine bewusste Belastungssteuerung so wichtig.
Im Laufe der Zeit habe ich verschiedene Ansätze ausprobiert. Nicht alles hilft jeder Person gleich. Für mich haben sich besonders bewährt:
· Pacing und konsequente Energieeinteilung
· Atemübungen und vagale Regulation
· intensive mentale Arbeit und psychologische Begleitung
· Meditation und gezielte Arbeit am Nervensystem
· Osteopathie
· Physiotherapie und individuell angepasste Bewegung
· naturheilkundliche Begleitung
· Ernährungsanpassungen
· bewusste Schlafhygiene
Gerade die intensive mentale Arbeit war für mich entscheidend. Zu lernen, mit Unsicherheit umzugehen und nicht dauerhaft gegen meinen Körper zu arbeiten, hat vieles verändert.
Ich habe ein Medikament getestet, das mir empfohlen wurde. Die Nebenwirkungen waren für mich jedoch stärker als der spürbare Nutzen, weshalb ich es wieder abgesetzt habe.
Für mich ist die naturheilkundliche Begleitung mittlerweile der aller wichtigste Baustein meiner Stabilisierung.
Körperlicher Aufbau ist möglich und super wichtig – aber nur in kleinen Schritten.
Ich steigere Belastungen sehr langsam und achte genau darauf, wie mein Körper reagiert.
Für mich gilt: Zeit vor Intensität. Regelmäßigkeit vor Leistung. Regeneration vor Steigerung.
Stabilität ist wichtiger als Tempo.
Long COVID Plattform: https://www.long-covid-plattform.de/leitungsplattform
S.P.O.R.T.-Institut Tribal: https://tribal.sportinstitut.net/tribal-fuer-physiotherapeuten
UMI Stuttgart: https://umi-stuttgart.de/long-covid-sprechstunde/
Buchempfehlung: https://www.skvshop.de/ergotherapie/pacing-20-handbuch-fuer-therapeutinnen-978-3-8248-1361-2.html
Long COVID verlangt Zeit, Kraft und Vertrauen in den eigenen Weg. Heilung geschieht nicht auf Knopfdruck – sondern Schritt für Schritt egal wo man sich aktuell befindet.
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